Außenansicht des D3 und des AD Gebäudes

Heinrich Färber

Geistesverwandte I: Heinrich Färber (1864-1941)

Die trost­lo­se öko­no­mi­sche Lage nach dem Ers­ten Welt­krieg rief immer mehr Kri­ti­ker auf den Plan. Unter ihnen konn­te sich vor allem Hein­rich Fär­ber, der erst­mals 1918 mit sei­ner Schrift „Der neue Ka­pi­ta­lis­mus und die wirt­schaft­li­che Zu­kunft“ her­vor­trat, Gehör ver­schaf­fen. Fär­ber zeig­te sich über­zeugt, dass die Ent­schei­dung für eine Au­ßen­an­lei­he zur Neu­ord­nung des Geld­sek­tors schäd­li­che Aus­wir­kun­gen habe, da der Spiel­raum der Wirt­schafts­po­li­tik damit mas­siv ein­ge­engt und der Weg zu mehr Wachs­tum und Be­schäf­ti­gung mit zu­neh­men­den Hin­der­nis­sen ver­se­hen sei.
(Bild­quel­le: Por­trät­fo­to, Pri­vat­ar­chiv Karl Moc­nik)

Fär­ber stamm­te aus Ga­li­zi­en und war 1896 nach Wien zu­ge­wan­dert, wo er einen Edel­me­tall ver­ar­bei­ten­den Be­trieb grün­de­te. Als Au­to­di­dakt be­müh­te er sich um ein als „Er­go­kra­tie“ de­fi­nier­tes Wirt­schafts­pro­gramm, das von der mensch­li­chen Ar­beits­leis­tung als al­lein wert­schöp­fen­der Kraft aus­geht. Im Zen­trum der Fär­berʼschen Kri­tik stand das No­ten­bank­mo­no­pol, das dem Gelde Macht­mit­tel­funk­ti­on ver­leiht, so­dass der er­zeug­te ge­sell­schaft­li­che Mehr­wert den Ren­ten­be­zie­hern als „leis­tungs­lo­ses Ein­kom­men“ zu­fließt. In der Zeit der Welt­wirt­schafts­kri­se plä­dier­te Fär­ber für eine mo­ne­tär in­du­zier­te An­re­gung der Gü­ter­pro­duk­ti­on, um so der stei­gen­den Ar­beits­lo­sig­keit ent­ge­gen­zu­wir­ken. Gegen Fär­ber wur­den meh­re­re ge­richts­an­hän­gi­ge Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet – im er­go­kra­ti­schen Schrift­tum herrsch­te oft ein rauer Ton ge­gen­über dem Ban­ken­sek­tor –, je­doch konn­te er sei­nen Stand­punkt stets glaub­wür­dig ver­mit­teln. Unter dem NS-​Regime wurde Fär­ber seine jü­di­sche Her­kunft zum Ver­häng­nis. Ge­mein­sam mit sei­ner Ehe­frau wurde er nach Łódź de­por­tiert, wo die bei­den unter dra­ma­ti­schen Be­din­gun­gen ums Leben kamen. Im 1930 er­schie­ne­nen „Er­go­kra­ti­schen Ma­ni­fest“ und an­de­ren Schrif­ten schlägt Fär­ber die voll­stän­di­ge Ver­staat­li­chung des Geld­we­sens vor. Die Schöp­fung mo­ne­tä­rer Mit­tel mache die öf­fent­li­che Hand frei in ihrer Aus­ga­ben­ge­stal­tung, kein Schul­den­druck, keine mit Zins­for­de­run­gen ver­knüpf­ten An­lei­he­ge­schäf­te könn­ten nun mehr die Staats­tä­tig­keit be­ein­träch­ti­gen. An­ders als bei Ge­sell, dem es pri­mär um die Ver­än­de­rung der Geld­funk­tio­nen zu­guns­ten von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft geht, steht bei Fär­ber die Kre­dit­ver­mei­dung im Mit­tel­punkt. Beide je­doch ver­tre­ten im Prin­zip ein Schwundgeld-​Konzept. Der Kre­dit, das we­sent­li­che In­stru­ment zur Ent­mün­di­gung des Staa­tes, soll nach Fär­ber ver­zicht­bar ge­macht wer­den, indem der öf­fent­li­chen Hand das Dru­cken von Zah­lungs­mit­teln er­mög­licht wird. – Nicht un­kon­trol­liert, son­dern unter Vor­ga­be kla­rer Re­geln, um so das Preis­ni­veau sta­bil zu hal­ten. Das vor­han­de­ne Geld­vo­lu­men soll­te mo­nat­lich um einen be­stimm­ten Pro­zent­satz ab­ge­wer­tet wer­den. Diese Ab­wer­tung soll­te eben­so re­gel­mä­ßig durch eine Neu­emis­si­on aus­ge­gli­chen wer­den, um so dem öf­fent­li­chen Haus­halt aus­rei­chend Spiel­raum zu ver­schaf­fen. Was für den Staat die klas­si­sche Form au­to­no­mer Geld­schöp­fung dar­stellt, tritt für die Bür­ger­schaft als Geld­steu­er in Er­schei­nung. Diese Form einer „sin­gle tax“ er­scheint Fär­ber auch als ge­rech­tes­te Va­ri­an­te eines Steu­er­sys­tems, denn, so Fär­ber, was sei „ein­leuch­ten­der als das, dass das Steu­er­geld aus dem Geld­sack“ ge­holt wer­den soll. Hin­sicht­lich der De­ckung des Gel­des ge­nügt in Fär­bers Kon­zept das vor­han­de­ne Ar­beits­kräf­te­po­ten­zi­al. Wäh­rend die Ar­beits­kraft das „Ak­ti­en­ka­pi­tal“ der Volks­wirt­schaft re­prä­sen­tie­re, bilde das Geld nur die ent­spre­chen­de Aktie. Fär­ber ging es in der Kon­se­quenz um die Er­rich­tung einer vom Fi­nanz­ka­pi­tal un­ab­hän­gi­gen „Teil­neh­mer­ge­sell­schaft“, die zu­gleich als Ge­gen­mo­dell einer auf Kre­dit­sys­tem und Spar­zwän­gen fun­dier­ten „aus­schlie­ßen­den Öko­no­mie“ zu ver­ste­hen ist.

Literatur:
  • Leben und Werk des ös­ter­rei­chi­schen Na­tio­nal­öko­no­men Hein­rich Fär­ber. (1864-​1941). Be­gleit­heft zur Aus­stel­lung an der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek der Karl-​Franzens-Universität Graz, hrsg. von Karl Moc­nik, Graz 1997.

  • Ger­hard Senft: Hä­re­sie und An­ti­öko­no­mie. Auf den Spu­ren der Er­go­kra­ten, Wien 2015.