Eine Gruppe von Menschen sitzt im Kreis und redet miteinander

Michaela Neumayr

Video Die Ungleichheit steigt - sinkt dadurch das freiwillige Engagement? | MORe: Michaela Neumayr

Die Ungleichheit steigt - sinkt…

Gutes tun, neue Menschen kennenlernen, den Horizont erweitern: Es gibt viele Gründe, sich bei einer Non-Profit-Organisation zu engagieren. Und darum geht auch etwa ein Drittel der Österreicher*innen einer ehrenamtlichen Tätigkeit nach – ob bei der freiwilligen Feuerwehr, bei den Pfadfinder*innen oder in einer Suppenküche.

Doch wie verändert sich die Einstellung zu ehrenamtlichem Engagement in Zeiten von steigender ökonomischer Ungleichheit? Mit dieser Frage beschäftigt sich Michaela Neumayr in ihrer Forschung. Die assoziierte Professorin am WU Institut für Nonprofit Management und Governance hat untersucht, welchen Einfluss die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich auf die Bereitschaft hat, für Non-Profit-Organisation zu spenden oder sich in ihnen zu engagieren.

In ihrer Forschung hat Michaela Neumayr zwei verschiedene Mechanismen identifiziert, die Einfluss auf Freiwilligenarbeit und Spenden haben – und die in entgegengesetzte Richtungen wirken: Einerseits kann mehr sichtbare Armut dazu führen, dass mehr Menschen sich freiwillig engagieren, um etwas gegen diese Armut zu unternehmen. Andererseits führt steigende Ungleichheit aber auch zu einem geringeren Zusammengehörigkeitsgefühl in einer Gesellschaft – und dazu, dass Menschen sich seltener ehrenamtlich engagieren oder spenden.

Wie diese beiden Mechanismen zusammenspielen, ist derzeit noch eine offene Frage. In der neuesten Episode von „Meet Our Researchers“ beschreibt Michaela Neumayr den aktuellen Stand ihrer Forschung und was er für unsere Gesellschaft bedeutet. Nach den Dreharbeiten haben wir sie in ihrem Büro besucht und ihr noch ein paar zusätzliche Fragen gestellt – über freiwilliges Engagement, das sinkende Zusammengehörigkeitsgefühl in unserer Gesellschaft und ihren Lieblingsort am Campus WU.

Portrait von Michaela Neumayr im Gebäude TC

Michaela Neumayr ist assoziierte Professorin am WU Institut für Nonprofit Management und Governance. In ihrer Forschung befasst sie sich hauptsächlich mit zivilgesellschaftlichem Engagement und der Rolle von Nonprofit-Organisationen bei der Bereitestellung sozialer Dienstleistungen, wie etwa Kinderbetreuung. Michaela Neumayr promovierte in Volkswirtschaftslehre und studierte schon VWL und Wirtschaftspädagogik an der WU Wien.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit Spenden und freiwilligem Engagement. Was fasziniert Sie an diesem Thema?

Ich komme ursprünglich aus der Volkswirtschaftslehre, und speziell der Sozialpolitik. Und ich fand schon immer die Frage spannend, wie in einer Gesellschaft soziale Dienstleistungen erbracht werden. Also nicht nur, dass sie erbracht werden, sondern auch in welcher Qualität, inwiefern sie den Bedürfnissen der Menschen entsprechen und ob sie auch in Anspruch genommen werden. Diese Leistungen können von unterschiedlichen Anbietern erbracht werden, unter anderem von NPOs. Und dann ist die nächste Frage: Wie finanziert man diese Leistungen? Soll das über Steuern laufen oder über freiwillige Spenden?

Inwiefern macht das einen Unterschied?

Für die Organisationen selbst, die die Leistung erstellen, macht es einen großen Unterschied. Die Frage der Finanzierung ist entscheidend dafür, wie frei sie die Gelder verwenden können und wie langfristig sie planen können. Da spielt auch hinein, in welchen Bereichen es den politischen Willen gibt, Leistungen zu finanzieren – und in welchen eher nicht. Das wiederum macht für die Nutzer*innen einen Unterschied.

Im Video thematisieren Sie die sich öffnende Einkommensschere – und ihren Einfluss auf die Bereitschaft, zu spenden oder sich in einer NPO zu engagieren. Was bedeutet diese Entwicklung für unsere Gesellschaft?

Ich finde es fatal, wenn im Zusammenhang mit wachsender Ungleichheit eine Entsolidarisierung in der Gesellschaft zu beobachten ist. Das bedeutet, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl sinkt und die Leute immer weniger darüber Bescheid wissen, in welcher Realität andere Menschen leben, und dafür auch keinerlei Verständnis aufbringen können. Das zeigt sich allerdings in ganz vielen Bereichen, nicht nur bei Spenden oder freiwilligem Engagement.

Was kann man Ihrer Meinung nach als Einzelperson tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Es ist immer gut, sich mal aus der eigenen Blase hinauszubewegen und zu versuchen, in Dialog mit Menschen in ganz anderen, weniger privilegierten Lebenssituationen zu gehen. Eine Möglichkeit, das zu tun, ist beispielsweise ehrenamtliche Arbeit. Weil man sich so mit Leuten auseinandersetzen kann, die man im Alltag und im eigenen Freundeskreis nicht treffen würde.

Wie lange sind Sie schon an der WU? Was schätzen Sie an der WU als Arbeitsplatz?

Ich bin jetzt fast 19 Jahre hier – ich habe 2006 angefangen, kannte also auch noch den alten WU Campus am Althangrund sehr gut. Und im Vergleich dazu haben wir hier einen großartigen  Campus und absolut perfekte Räumlichkeiten. Ich schätze es sehr, hier zu arbeiten – alleine, was den technischen Support und die Infrastruktur betrifft.

Haben Sie einen Lieblingsort am oder rund um den Campus?

Mein Lieblingsgebäude ist das „Rostgebäude“, also das Teaching Center. Es schafft den Spagat, architektonisch ansprechend und gleichzeitig funktional zu sein. Die Innenräume sind so gestaltet, dass sie Kommunikation erleichtern. Bei den Lehrräumen gelingt das beispielsweise, weil sie sehr breit, aber nur wenige Tischreihen tief sind. Tageslicht gibt es auch überall, und ich gehe da wahnsinnig gerne zum Unterrichten rein. Es ist ein Gebäude, das für Menschen gemacht ist – und das merkt man.

Michaela Neumayr vor Gebäude TC

Michaela Neumayr vor dem Teaching Center: „Es schafft den Spagat, architektonisch ansprechend und gleichzeitig funktional zu sein.“