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Erste qualitative Längsschnittstudie in Österreich zum Thema Dropout aus Schulen

08. Oktober 2014

Die Ab­tei­lung für Bil­dungs­wis­sen­schaft der WU hat Dro­pouts und Early School Lea­vers (frühe Schul­ab­bre­cher/innen) in einer qua­li­ta­ti­ven Längs­schnitt­stu­die über fünf Jahre for­schungs­mä­ßig be­glei­tet. WU-​Professorin Erna Nairz-​Wirth, WU-​Forscherin Marie Gitsch­tha­ler und Prof. Klaus Feld­mann haben die Ur­sa­chen und Fol­gen des Schul­ab­bruchs der Ju­gend­li­chen bzw. jun­gen Er­wach­se­nen, die aus un­ter­schied­li­chen so­zia­len Mi­lieus stam­men, un­ter­sucht. Die Stu­die ist im deutsch­spra­chi­gen Raum ein­zig­ar­tig. EU-​weit gibt es ca. 5,5 Mil­lio­nen frühe Schul­ab­bre­cher/innen; in Ös­ter­reich sind es laut Sta­tis­tik Aus­tria der­zeit 7 von 100 aus der Grup­pe der 18 bis 24-​Jährigen.

Die Ab­tei­lung für Bil­dungs­wis­sen­schaft der WU hat Dro­pouts und Early School Lea­vers (frühe Schul­ab­bre­cher/innen) in einer qua­li­ta­ti­ven Längs­schnitt­stu­die über fünf Jahre for­schungs­mä­ßig be­glei­tet. WU-​Professorin Erna Nairz-​Wirth, WU-​Forscherin Marie Gitsch­tha­ler und Prof. Klaus Feld­mann haben die Ur­sa­chen und Fol­gen des Schul­ab­bruchs der Ju­gend­li­chen bzw. jun­gen Er­wach­se­nen, die aus un­ter­schied­li­chen so­zia­len Mi­lieus stam­men, un­ter­sucht. Die Stu­die ist im deutsch­spra­chi­gen Raum ein­zig­ar­tig. EU-​weit gibt es ca. 5,5 Mil­lio­nen frühe Schul­ab­bre­cher/innen; in Ös­ter­reich sind es laut Sta­tis­tik Aus­tria der­zeit 7 von 100 aus der Grup­pe der 18 bis 24-​Jährigen.

Ziel der Stu­die, die von der Ar­bei­ter­kam­mer Wien und der Stadt Wien (MA 23) ge­för­dert wurde, war es, Ein­bli­cke in die in­di­vi­du­el­len Bio­gra­fien, die schu­li­schen Er­fah­run­gen und die un­ter­schied­li­chen Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien von Dro­pouts/Early School Lea­vers zu er­hal­ten. Early School Lea­vers sind Ju­gend­li­che, die das Bil­dungs­sys­tem ver­las­sen haben, bevor sie einen Ab­schluss auf der Se­kun­dar­stu­fe II (z.B. Lehr­ab­schluss, Ma­tu­ra) er­reicht haben und vier Wo­chen vor Er­he­bung nicht in einer Wei­ter­bil­dungs­maß­nah­me ein­ge­schrie­ben sind. Die volks­wirt­schaft­li­chen und in­di­vi­du­el­len Fol­ge­kos­ten sind schwer­wie­gend: ein/e Schul­ab­bre­cher/in kos­tet der Ge­sell­schaft laut einer Stu­die der EU-​Kommission 1,8 Mil­lio­nen Euro und die Be­trof­fe­nen sind oft ar­beits­los oder pre­kär be­schäf­tigt.

Warum ver­lässt ein Ju­gend­li­cher die Schu­le ohne Ab­schluss?

Ein frü­her Schul­ab­gang, so das Er­geb­nis der WU-​Studie, ist das Re­sul­tat eines lan­gen Ent­wick­lungs­pro­zes­ses, der in der Bil­dungs­lauf­bahn oft sehr früh (Pri­mär­grup­pe, Kin­der­gar­ten und Volks­schu­le) sei­nen An­fang nimmt. Es gibt immer meh­re­re Ur­sa­chen und Ri­si­ko­fak­to­ren, die einen Schul­ab­bruch aus­lö­sen. Mob­bin­g­er­fah­run­gen, schlech­te Noten oft ein­her­ge­hend mit Schul­angst, schlech­te Lehrer-​Schüler-Beziehung, Klas­sen­wie­der­ho­lung, Schul­wech­sel, Pro­ble­me in­ner­halb der Fa­mi­lie und ein un­güns­ti­ger Ein­fluss schul­schwän­zen­der Freund/innen zäh­len eben­so zu die­sen Fak­to­ren wie nicht recht­zei­tig er­kann­te Lern­schwä­chen. Ge­ne­rell stel­len die Autor/inn/en der Stu­die eine man­geln­de Über­gangs­ge­stal­tung an ös­ter­rei­chi­schen Bil­dungs­in­sti­tu­tio­nen fest. So ist der Wech­sel in eine neue Bil­dungs­ein­rich­tung auf jeder Stufe ein kri­ti­sches Er­eig­nis.

Häu­fi­ge Fol­gen eines frü­hen Schul­ab­bruchs

In den Ge­sprä­chen nann­ten die Ju­gend­li­chen immer wie­der fol­gen­de Aus­wir­kun­gen des Schul­ab­bruchs: Ex­klu­si­on vom Ar­beits­markt, Ero­si­on so­zia­ler Be­zie­hun­gen, so­zia­ler Rück­zug und schwin­den­de Teil­ha­be am ge­sell­schaft­li­chen Leben aus Schutz vor Stig­ma­ti­sie­rung oder schlicht auf­grund fi­nan­zi­el­len Man­gels. Be­son­ders schwer­wie­gend sind die ne­ga­ti­ven Er­fah­run­gen in der Ar­beits­welt auf­grund der Stig­ma­ti­sie­rung durch den frü­hen Schul­ab­gang und die ne­ga­ti­ven Zu­kunfts­per­spek­ti­ven (Lang­zeit­ar­beits­lo­sig­keit, ver­rin­ger­te ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be). Die be­trof­fe­nen Ju­gend­li­chen be­rich­ten über Zu­kunfts­ängs­te, Ge­füh­le der Ein­sam­keit und Nutz­lo­sig­keit bis hin zu Fa­ta­lis­mus und Re­si­gna­ti­on. Häu­fig sind auch kör­per­li­che und psy­chi­sche Sym­pto­me, etwa dif­fu­se Schmer­zen oder de­pres­si­ve Ver­stim­mun­gen an­zu­tref­fen. Umso wich­ti­ger sind prä­ven­ti­ve Maß­nah­men, die nicht nur beim In­di­vi­du­um, son­dern – dies be­stä­ti­gen die im Zuge die­ser Stu­die eben­so re­cher­chier­ten Best-​Practice-Modelle – vor allem im Sys­tem der Schu­le, der Fa­mi­lie und der Ko­ope­ra­tio­nen mit der Ge­mein­de an­set­zen.

Kontakt:

ao. Univ.-Prof. Dr. Erna Nairz-Wirth
Mag. Marie Gitschthaler
Abteilung für Bildungswissenschaft
erna.nairz-wirth@wu.ac.at
marie.gitschthaler@wu.ac.at; Tel: 01313364969

Titel der Stu­die: Quo vadis Bil­dung? Eine qua­li­ta­ti­ve Längs­schnitt­un­ter­su­chung zum Ha­bi­tus von Early School Lea­vers

Down­load: https://www.wien.gv.at/wirt­schaft/stand­ort/pdf/quovadis-​bildung-2014.pdf

Pres­se­infor­ma­ti­on "Längs­schnitt­stu­die in Ös­ter­reich zum Thema Dro­pout aus Schu­len" als PDF

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